Ingrid K. Ebert

Schriftstellerin

Sein Haus hat offene Türen (und einen Kamin)

Wir haben ein Gästehaus in unserer Gemeinde. Wir haben einen offenen Kamin. Wir haben eine Küche. Es war um die Jahrtausendwende, als ich darüber nachdachte, was sich mit diesem Kapital machen ließe, um unterschiedliche Menschen zu erreichen, vor allem solche, die mit Kirche nichts am Hut haben oder hatten. Von denen gibt es in meiner Heimat sehr viele. Im Land Brandenburg sind reichlich 80 Prozent aller Menschen konfessionslos. Die meisten von ihnen vermissen nichts, wenn sie am Sonntagmorgen keinen Gottesdienst besuchen. Sie wundern sich eher, dass andere das freiwillig und mit Freuden tun. Die meisten kennen die Bibel nicht. Sie haben keine Ahnung, was es heißt, Christ zu sein. Sie glauben nicht an Gott und wollen daran auch nichts ändern. Schon gar nicht wollen sie missioniert werden. Wie also Gottes Liebe in die Welt tragen?

Mir schwebte eine Veranstaltungsreihe vor für Christen und Nichtchristen. Einheimische und Zugezogene sollten sich näherkommen, Deutsche und Russlanddeutsche und Flüchtlinge. Eine Plattform sollte diese Reihe sein für alle, die unterhaltsame, lehrreiche, spannenden und entspannende Abende in den Wintermonaten mitgestalten und erleben wollen. Ohne großen finanziellen Aufwand. Wir machen uns einfach selbst ein paar schöne Stunden. Das war der Plan. Aus dieser Idee erwuchs ein vielfältiges Programm. Medien kündigten die Veranstaltungen an und berichteten hinterher oft über sie. Eingeladen habe ich aber auch auf Straßen und Plätzen und mit Aushängen in Geschäften. Zuerst kamen fünf, dann fünfzehn, dann fünfzig Gäste. Anfangs zögernd, später oft schon eine Stunde zu zeitig, einfach, um da zu sein und eine Tasse Tee zu trinken, um zu reden. Manche brachten Tee mit oder Teelichter oder Kaminholz oder Ideen und machten so den Abend zu ihrer eigenen Sache. Genauso hatte ich es mir gewünscht. Einige kamen immer wieder, andere nur, wenn sie das Thema interessierte.

Ich spürte auch Gegenwind. Glaubensgeschwister fragten: „Was bringt ein solcher Abend, an dem keine christlichen Lieder gesungen werden, der nicht mit einem Gebet beginnt und mit einem „Der Herr segne uns und behüte uns…“ schließt? Was hat das mit Mission zu tun? Sind kulturelle Veranstaltungen Gemeindearbeit? Kommen Menschen dadurch zum Glauben und zu den Gottesdiensten? Haben sich schon welche taufen  lassen? Ist eure Gemeinde dadurch gewachsen?“ Diese Fragen haben mich irritiert. Mit Musik und Literatur, mit Arztvorträgen und Reiseberichten, mit Volksliedersingen und ausgelassenen Tänzen, mit Gesprächsrunden, auch über Tabuthemen wie Suizid, Essstörungen, Homosexualität und mit heiteren Stunden wollte ich ja nicht mehr und nicht weniger, als dass Menschen zueinanderfinden, sich austauschen, dazulernen, offener werden, dass sie ihre Sorgen ablegen, dass sie sich wohlfühlen, alle miteinander und dann heiter oder nachdenklich nach Hause gehen.

Nach zehn Jahren Kaminarbeit haben wir uns eine bunte Jubiläumsfeier gestaltet. Es hat mich sehr berührt, wie viele ehrliche Dankesworte gesagt wurden. Ein halbes Jahr später trafen wir uns alle zu einem Sommerfest auf dem Gemeindehof. Wieder haben zum Gelingen viele beigetragen. Mehrheitlich waren das keine Christen, sondern Menschen, die sich einladen und begeistern ließen. Dreizehn Jahre lang veranstalten wir sechs bis sieben Kaminabende in den Wintermonaten. Sie standen allesamt unter dem Motto „Wenn’s dämmert“. Auch mir ist in dieser Zeit ein Licht aufgegangen.  Eigentlich sind es mehrere Lichter.

  1. Menschen lassen sich einladen. Auch heute noch. Sie kommen, wenn sie Interesse am Thema haben. Sie kommen wieder, wenn sie sich wohlgefühlt haben in der Gemeinschaft, ja, wenn sie Teil dieser Gemeinschaft sind und sich einbringen können.
  2. Gottes Gegenwart und seine Liebe zu uns zeigt sich im gelingenden Miteinander. Da, wo wir uns annehmen, wo wir einander tolerieren und achten in unserer Verschiedenheit, da wird Gott sichtbar. Er möchte, dass unser Leben gelingt.
  3. Die gute Nachricht vom vergebenden und versöhnenden Gott in die Welt zu tragen, heißt zuerst einmal Vergebung und Versöhnung zu leben.
  4. Es kommt wohl nicht darauf an, ob dabei etwas für die Ortsgemeinde herausspringt, ob Mitgliederzahlen wachsen und finanzielle Sorgen abgebaut werden.

Auch, wenn es die Veranstaltungsreihe „Wenn’s dämmert“ in diesem Umfang nicht mehr gibt – die Prioritäten haben sich geändert, mein  Kraftpensum auch – hin und wieder lädt die Gemeinde zu weiteren Kaminabenden ein. „Reis trifft Kartoffel“, hieß es letztens. Und Gundolf Lauktien, Berlin, wird am 25. November sein Buch „Ich bin klein, aber mutig!“ vorstellen. Ich freue mich schon.

Übrigens sagte neulich jemand zu mir: „Ich wäre Sonntag beinahe zu Ihnen in den Gottesdienst gekommen, aber ich weiß ja nicht, was man da machen muss. Oder kann man bei Ihnen auch einfach dasitzen und zuhören?“ Ingrid Ebert

Sie ist schwarz

Für alle, die den Roman „Die Hütte“ von William Paul Young nicht kennen, versuche ich, in Kürze zu schildern, um was es geht. Zuerst einmal geht um ein Verbrechen. Ein sechsjähriges Mädchen wird entführt, missbraucht und ermordet. Das stürzt Mackenzie Allen Phillips, den Vater des Kindes, in tiefe Trauer und lässt ihn mit Gott hadern. Nach vier Jahren ist er in seinem Trauerprozess noch nicht weitergekommen. Da überrascht Gott Mackenzie mit einem Brief. Gott lädt ihn an den Tatort, in die Hütte, ein, um sich ihm zu erklären. Es geht also um Leid und um die Fragen nach dem Warum. Es geht um die Rolle Gottes im Weltgeschehen und letztlich um den Versuch, Gottes Wesen zu erfassen. Hier nun kommt die nächste Überraschung: Der Dreieinige Gott im Roman zeigt sich Mackenzie in drei Personen. Da ist Papa, eine große, dicke Afroamerikanerin (Gott Vater), von der man sich gerne tröstend an die Brust drücken ließe. Sollte „Die Hütte“ verfilmt werden, wäre wohl Whoopi Goldberg die ideale Besetzung. Da ist eine kleine Asiatin, die den Heiligen Geist verkörpert und da ist der Hebräer (Jesus), ein gutmütiger Handwerker, ein Scherzkeks, wie ihn Papa bezeichnet.

 

Darf man das machen? Darf ein Autor seiner Phantasie derart freien Raum lassen, wenn es um Gott geht? Gottvater als dunkelhäutige Frau darzustellen, scheint originell, ist aber nicht neu. Es erinnerte mich an einen Witz aus der Zeit der Rassenkämpfe in der USA: Jurij Gagarin, erster Mensch im Weltall, hat ein Treffen mit Staats- und Parteichef Chruschtschow. „Hast du da oben Gott gesehen?“ fragt Chruschtschow. „Ja, das habe ich.“, meint Gagarin. „Das habe ich mir gedacht – hier hast du 10.000 Dollar und kein Mensch erfährt davon!“ Später hat Gagarin eine Audienz bei Papst Johannes XXIII. „Hast du da oben Gott gesehen?“, fragt der Papst. „Nein“, meint Gagarin. „Das habe ich mir gedacht – hier hast du 10.000 Dollar und kein Mensch erfährt davon!“ Schließlich hat Gagarin ein Meeting mit dem Präsidenten der USA, Kennedy. „Hast du da oben Gott gesehen?“, fragt Kennedy. „Ja“, meint Gagarin. „Nun, letztlich ist mir das ja egal. Ich habe genauso viele Atheistinnen wie Theistinnen (Gläubige) unter meinen Wählerinnen.“ Juri überlegt kurz und antwortet geistesgegenwärtig: „SIE ist schwarz…“

 

Wir sollen uns kein Bild von Gott machen. Gott will keine Figur aus Holz oder Stein sein, die in einer Gebetsecke steht. „Ich bin“, sagt Gott. Das muss genügen. Genügt uns aber nicht. Wir brauchen Bilder, um uns Gott zu nähern, um ihn zu erfassen. Die Bibel bietet uns solche Bilder die Fülle. Sie beschreibt Gott als Vater, als Fels, als König, als Schild, als Löwe, als Hirte, aber auch als Mutter, als Quelle, als Glucke, als Bärin, als Licht, als Liebe. Trotz all dieser unterschiedlichen Bildworte sitzt ein Bild in uns ganz besonders fest. Es ist das Bild vom „lieben Gott“, vom alten Mann mit langem, weißem Bart, gütig und gerecht. Deshalb zucken wir zusammen, wenn uns Gott als Frau entgegenkommt. (Mancher zuckt ja schon, wenn eine Frau auf der Kanzel steht und predigt.) Warum zuckt keiner, wenn Gott als Mann gedacht und gezeichnet wird? Vielleicht ist Gott ja auch Kind. Nein, selbstverständlich ist ER, der HERR. Oder? Die Schöpfungsgeschichte erzählt, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat, und zwar männlich und weiblich. Also ist Gott nicht männlich, nicht weiblich, sondern beides, wenn wir in diesen Kategorien denken wollen und irgendwie will uns anderes Denken nicht gelingen. Wer weiter in der Bibel liest, wird mit vielen gegensätzlichen Bildern konfrontiert. Gott vergibt und rächt, ist gnädig und gerecht, ist wie eine Mutter, die ihr Kind tröstet. An einer anderen Stelle heißt es: „Gott bin ich, und kein Mann.“ Trotzdem fällt es uns schwer, Gott eben nicht als Mann zu denken. Schließlich nennt Jesus Gott seinen Vater und wir beten das Vaterunser. Alles andere scheint seltsam, ja beinahe unanständig. Geprägt von einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung, kommt uns alles erst einmal komisch vor, was dieser Ordnung entgegensteht. Unsere Alltagssprache macht das deutlich. Was Chefsache ist, wissen wir. Über das Wort Chefinsache stolpert sogar mein Rechtschreibprogramm und unterstreicht es rot. Ob der Roman „Die Hütte“ nun als esoterischer Schinken abgetan oder als wichtigstes Buch nach der Bibel gefeiert wird, eines erreicht er auf jeden Fall. Ein Nachdenken über das eigene Gottesbild. Bei meinen Recherchen ist mir eine Kolumne der Journalistin Antje Schrupp auf den Bildschirm gekommen. Darin heißt es: „Niemand kann sagen, dass sie Gott wirklich versteht. Gott ist nicht Einer, sondern Differenz, Gott ist nicht Dieses, sondern das Andere. Gott ist nicht Etwas, sondern die Leerstelle, über die wir nicht verfügen können, von der aber dennoch unser Leben und die ganze Welt abhängen.“ Danke, Frau Schrupp, ich könnte es nicht besser sagen. Ingrid Ebert

 

Atheismus in der DDR

Als ich laufen lernte, gehörten über 90 Prozent der Einwohner meines Landes – der eben gegründeten DDR – einer christlichen Kirche an. Heute sind es laut Statistik in den neuen Bundesländern nur noch 25 Prozent. Auch die Zahl färbt schön, denn keine zehn Prozent glauben an einen „persönlichen Gott“. Fast jeder zweite Bürger zwischen Oder und Elbe bezeichnet sich als Atheisten. Eine US-Untersuchung ergab, dass das Gebiet der ehemaligen DDR weltweit das religionsfreieste Land ist. Ich bin Teil einer extrem kleinen Randgruppe. Was ist passiert in den sechs zurückliegenden Jahrzehnten und wie setzt sich die Entwicklung fort? Erfüllt sich, was mir einst die Lehrer prophezeiten? „Kein gebildeter Mensch glaubt noch an den lieben Gott. Nur ein paar alte Weiblein. Und die sind bald weggestorben.“ Wie oft habe ich das in der Schule gehört.  „Wir brauchen keinen Kirchenkampf, das mit der Kirche hat sich ohnehin bald erledigt.“ Nun, es hat sich bis heute nicht erledigt. Und damals? Immer wieder knisterte es zwischen der DDR-Führung und den Kirchen, die im Wendeprozess eine entscheidende Rolle spielten. In den 50er Jahren zeigte sich der Kirchenkampf grobschlächtig, später subtiler. Erstaunlich, mit welchem Druck die Machthaber gegen Gott kämpften, der ihrer Meinung nach gar nicht existierte, und gegen die Kirche, die sich – wie sie sagten -  sowieso bald in Luft auflösen würde. Sie propagierten in allen Lebensbereichen ein nichtreligiöses und materialistisches Weltbild. Vielleicht war es gerade der Druck, der den Gegendruck erzeugte und Glauben lebendig hielt. Vielleicht haben die Repressionen genau das Gegenteil erreicht: Rückgrat,  festen Glauben, Zusammenhalt, Gebete, das Lesen in der Bibel. Wie das für mich war, als Christin in der DDR zu leben, habe ich im Buch „Hammer, Kreuz und Schreibmaschine“ öffentlich gemacht. Oft werde ich auf das Buch hin angesprochen. Leider ist es vergriffen und fand bisher keine neue Auflage.

 „Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“ textete Louis Fürnberg 1950. Mit der Partei war die SED gemeint, 1946 aus KPD und SPD zwangsvereint. Sie musste immer Recht haben, weil ihr Fundament die, wie sie erklärte „einzig wissenschaftliche Weltanschauung“ war. Der atheistische Marxismus-Leninismus war in seinem Absolutheitsanspruch besonders in der Volksbildung spürbar. In den 50er Jahren galten Christen als Feinde des Volkes und des Fortschritts. Ende der 60er Jahre stellte man sie mehr als naive Menschen hin. Es war nicht zeitgemäß, an Gott zu glauben. Spätestens als Schülerin begriff ich das und erkannte, dass ich mich entscheiden muss. Später ging es unseren Kinder ebenso.

23. August 1984:  „Thälmannpionier werde ich aber nicht“, sagt Thomas mit großer Bestimmtheit. „Ich bin doch jetzt getauft und will richtig als Christ leben.“ Wir setzen uns abends mit ihm zusammen. Er soll wissen, welche Konsequenzen seine Entscheidung hat. „Wenn du kein Pionier bist, bekommst du keine Auszeichnungen mehr“, sage ich. Thomas: „Das ist nicht so schlimm. Ich lerne ja nicht für die Auszeichnungen.“ Ich weiter: „Wahrscheinlich werde ich dann nicht mehr im Elternaktiv mitarbeiten dürfen.” Thomas: „Dann müssen die sich eben jemand anderes suchen, der die Arbeit macht.“ Ich: „Und es kann sein, dass du später nicht studieren darfst, dass du nicht jeden Beruf erlernen darfst.“ Thomas: „Gibt es nicht auch bei der Kirche Berufe?“ Ich bin stolz auf ihn. Er weiß, was er will.  Auch Gesine und Michael sind sich einig: „Wir werden nicht Pionier.“ Gesine setzt noch eins drauf: „Man kann nur an Jesus glauben oder an Erich Honecker.“

Wer sich als Christ bekannte, wurde belächelt, bestraft, zum Außenseiter degradiert und benachteiligt. Undenkbar war eine Karriere im Staatsdienst oder in leitenden Funktionen. Schon das Abitur blieb vielen verwehrt und damit ein Studium. Unter Druck gerieten selbst die Grundschüler.

 „5. März 1985:  Gesine kommt aufgeregt von der Schule nach Hause. Sie bringt ihre beste Freundin Ina mit. Die ist ganz aufgelöst und weint. Beide erzählen abwechselnd, was in der Schule passiert ist. Die Klassenlehrerin hat die Mädchen in der großen Pause zurückgehalten und auf sie eingeredet. „Weil Ina jetzt auch in den Kindergottesdienst geht“, sagt Gesine. „Sie hat gesagt, die Kirche hat Kriege gemacht und Menschen verbrannt und gefoltert, und es gibt gar keinen Gott, hat sie gesagt.“ Offensichtlich hat Frau K. die große Pause dazu genutzt, die Mädchen einzuschüchtern. Zwanzig Minuten lang hat sie ihnen in schauerlicher Weise die Kirche des Mittelalters vor Augen gehalten und die Kinder unter Druck gesetzt. Ina schluchzt: „Wenn ich in den Kindergottesdienst gehe, darf meine Mutti nicht mehr in der Elternvertretung mitarbeiten.“ Gesine ergänzt: „Ja, und Ina soll dann daran schuld sein.“ „Und ich kriege dann auch nicht das rote Halstuch“, weint Ina, und Gesine berichtet: „Und ich darf nicht mehr andere Kinder in den Kindergottesdienst einladen, hat sie gesagt. Das ist verboten.“

Zur konsequenten „De-Christianisierung“ gehörte das Füllen christlicher Festtage mit neuen Inhalten. Alte Weihnachtslieder verschwanden aus Büchern und aus dem Repertoire der Rundfunksender. Christliche Gedichte wurden nicht mehr gelehrt. Wer das Bekenntniskreuz der Jungen Gemeinde trug, bekam Ärger, manchmal auch heimliche Anerkennung.

11. November 1967: Ich stehe an der Haltestelle. Es regnet mehr als es schneit. Zwei  Straßenbahnen sind schon ausgefallen. Alles um mich herum ist nass und grau. Ich habe kalte Füße und werde immer ärgerlicher. Es ist ein ausgesprochen hässlicher Tag. Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, den Kopf eingezogen und dazu ein Gesicht, dem Wetter angepasst. So stehe ich da. Ein älterer Herr tippt mich im Vorübergehen an und sagt: „Das freut mich aber.“ Schon ist er im Schneegestöber verschwunden. Er hat auf das Ansteckkreuz getippt. Und auf einmal bin ich ganz froh, trotz kalter Füße.

Unmittelbar nach der Wende schrieb mir eine Genossin verbittert: Du wirst ja jetzt gute Berufschancen haben. Du als Christin und Redakteurin einer CDU-Zeitung stehst ja auf der Seite der Sieger.“ Darin täuschte sie sich, wie sich auch all jene täuschten, die gehofft oder befürchtet hatten, dass sich die Menschen in der ehemaligen DDR nach 1989 begeistert wieder dem christlichen Glauben zuwenden würden. Das Gegenteil trat ein.

Und heute? Die wenigsten, mit denen ich zu tun habe, sind radikale Atheisten. Ich kann meinen Glauben in großer Freiheit leben. Den meisten ist das egal. Gott will gefunden werden und keiner sucht ihn. Wo ich lebe, ist das so. Grund zur Resignation? Eher Grund, meinen Glauben lebendig zu leben in der Gewissheit, wie sie der Liedermacher Fritz Müller einst ausdrückte: „Gottes Sache geht weiter durch die Zeit…“

Ingrid Ebert

(Alle kursiv gesetzten Texte sind dem Buch „Hammer, Kreuz und Schreibmaschine“, Oncken Verlag Wuppertal und Kassel, entnommen.)Formularbeginn

Nebenbei bemerkt

wissen die Deutschen westlich der Elbe wahrscheinlich mehr über den 17. Juni 1953 zu sagen, als die, die wie ich in der DDR groß geworden sind. Was ein Teil Deutschlands als heldenhaften Volksaufstand bezeichnete und bis 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ feierte, nannten meine Lehrer einen konterrevolutionären Putschversuch, der erfolgreich zerschlagen wurde. Ansonsten sprach man besser nicht von jener Zeit, in der die noch junge DDR ernsthaft in ihrer Existenz bedroht war durch Ernährungskrise, hohe Abgaben, schlechte Ernten, Wohlstandsgefälle, Reparationen, Planwirtschaft, Kirchenkampf und enorme Abwanderungsbewegung. Man sprach besser nicht über jene Tage, in der die Arbeitsnormen ins Unerträgliche hochgeschraubt wurden. Als zehn Prozent mehr Leistung bei gleichem Lohn gefordert wurde, war das Fass voll. Es lief über. Daran konnte auch der rasch eingeleitete „Neue Kurs“ des Politbüros der SED nichts mehr ändern. Zwar gab es Zugeständnisse der Kirche und den bürgerlichen Mittelschichten gegenüber, die Probleme der Arbeiter aber blieben unbeachtet. Und während die einen den Kurswechsel als guten Weg zu einer besseren DDR begrüßten, sahen die anderen in ihm die „Bankrotterklärung der SED-Diktatur“. Nicht nur ein paar aufmüpfige Berliner Bauarbeiter legten die Arbeit nieder, weil sie sauer waren, nein, es kam zu einer Welle von Streiks und Protesten, die das Land überflutete. Eine Million Menschen gingen auf die Straße. Aus dem sozialen Aufschrei wurde ein nicht zu überhörender Ruf nach Freiheit, Demokratie, deutscher Einheit. Was für ein Schock für die DDR-Regierung, die eilig den Schutz sowjetischer Behörden in Berlin-Karlshorst suchte. Was für eine traumatische Erfahrung für die SED-Führung. Ausgerechnet Arbeiter stellten sich dem jungen Arbeiter- und Bauernstaat entgegen. Mit Hilfe sowjetischer Truppen und Panzer wurde der Aufstand vom 17. Juni 1953 im Keime erstickt. Über Verhaftete und Tote legte sich der Mantel des Verschweigens. Aber: Arbeitsnormen wurden zurückgenommen, Lohnkürzungen rückgängig gemacht, Preise gesenkt, Kosten für die sowjetische Besatzung reduziert und Sowjetische Aktiengesellschaften an die DDR verkauft. Nebenbei bemerkt, es gab und gibt in der Geschichte der Menschheit immer wieder Aufstände. Kleine und große. Sie haben eines gemeinsam. Sie wollen Veränderung. Oft ist es der Leidensdruck, manchmal auch die Liebe, die uns Menschen bewegt. Und immer ist es einer, der den Anfang wagt, der aufsteht vom Sofa der Bequemlichkeit, der sich von der Kirchenbank erhebt, der nicht mehr so weiter machen kann, wie es alle machen, der mit seinem Glauben und seinen Gedanken und seinen Zweifeln nicht mehr hinter dem Berg halten will, der Zivilcourage zeigt, Mut zum eigenen Urteil. Wer den Widerstand wagt, wird Widerstand erleben. Vielleicht bleibt er einsam in seinem Protest und wird niedergemacht, denn jeder Aufstand hat seine zwei Seiten. Vielleicht aber erlebt er auch, dass andere nur auf ein solches Signal gewartet und gehofft haben und sich mit ihm erheben und dass heilsame Veränderung geschieht und wir wieder des Weges sind.                                        Ingrid Ebert

Aus “Holzschnitte zur Bibel”
Gedichte und Meditationen

Abel liegt im Felde.
Wohin soll sich Kain legen?
Ruhelos streift er umher.
Er hat den Hirten geschlachtet.
Nun bleibt er unbehütet.
Mit Blut hat er sein Feld gedüngt.
Nun wächst die Angst darauf.

*

Abraham
liebt Isaak.
Schützen will er ihn,
bewahren, behalten,
und doch hält er
das Messer erhoben,
den Sohn zu schlachten
auf dem Altar
des frommen Gehorsams.

Um Gott zu gefallen,
will der Vater
seinen Sohn opfern.

Und Gott
fällt ihm

in den Arm.

*

Du kannst vor dir fliehen
– die Vergangenheit im Nacken
– die Schuld auf den Schultern.

Du kannst dich auch stellen,
kannst dir begegnen
im offenen Kampf.
Keine List mehr,
keine Maskerade.

Wer sich selbst gegenüber steht,
kämpft von allen Kämpfen
den schwersten.

Und wer diese Nacht aushält,
ist am Morgen
gesegnet

*

Schuld trägt sich schwer.
Schon mancher brach zusammen
unter ihr.

Womit du andere bedrückst,
wird dich erdrücken.
Was du dem Nächsten anlastest,
legt sich auf deine Schultern.
Dein Mund verstummt,
wenn er nicht bitten lernst:
“Vergib!”
Blind werden Augen,
die vor Schuld sich schließen,
und Ohren, die nicht hören wollen,
werden taub.

Schuld trägt sich schwer.
Geschehen ist geschehen.
Du kannst dich nicht
entschuldigen,
kannst dir die Last
nicht selber nehmen.

Schwer trägt sich meine Schuld.

*

Pfingsten

Von allen Seiten kamen wir,
verließen die Bequemlichkeit des Gewohnten,
ertrugen die Mühen des Unterwegsseins,
gingen das Risiko hautnaher Begegnung ein.
Zur festgelegten Stunde
am festgelegten Ort
mit einem festgelegten Gott im Herzen.
Wir sind gekommen,
dich zu loben,
dich zu preisen,
dich aus der Enge des Herzens zu lassen.
Indem wir uns einander öffneten,
öffneten wir uns dir.
Und das Wunder geschah:
Du kamst aus uns heraus
und auf uns herab
und warst viel größer
und warst ganz anders.

 

Nun danket alle Gott, mit Kerzen und Gebeten
Zwei Jahrzehnte ist es her. Da fiel die Mauer in Berlin. Eine Diktatur stürzte in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Wenig später wurde aus zwei deutschen Staaten ein Deutschland.

Plötzlich ist alles wieder lebendig
Zwei Jahrzehnte ist es schon her? Ich kann es kaum glauben. Zu lebendig sind die Erinnerungen. Zu schnell ist die Zeit ins Land gegangen. Und wie viel hat sich ereignet seither. Wie vielen Menschen bin ich begegnet? Wie viele Länder habe ich bereist? Trotzdem. Da sitzen wir nun dicht gedrängt in einer kleinen Dorfkirche und erleben ein verspätetes Konzert mit Stephan Krawczyk und Freya Klier. Und da ist sie wieder, die Aufbruchstimmung, die Zeit der Friedensgebete und der kämpferischen Lieder. Eigentlich sollten Freya Klier und Stephan Krawczyk zur Friedensdekade 1987 auftreten. Es war von staatlicher Stelle verhindert worden. Jetzt liest Freya Klier aus jenen fernen, nahen Tagen. Ich spüre, dass mein Herz schneller schlägt, meine Hände kalt werden. “Wenn das Wasser Balken hätte, kämen wir ans andre Ufer …” Die Lieder, die Stephan Krawczyk singt, die Worte schlagen mir auf den Magen. Dabei ist das alles doch so lange her. Dann, vor der Kirchentür, reden wir miteinander, erinnern uns an jene aufregende, spannende Zeit, an die aufkeimende Hoffnung, dass sich Schwerter zu Pflugscharen umschmieden lassen könnten. “Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit …”

Dunkle Tage brauchen helle Lichter
Da sind sie wieder, die 80er Jahre. Unter dem Dach der protestantischen Kirchen und in privaten Nischen bildet sich eine politische Opposition. In geschützten Räumen spricht man über Menschenrechte und um ein Friedenschaffen ohne Waffen. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung und um Bildungspolitik. Und bald bleiben diese Themen nicht mehr in den geheimen Ecken. Sie drängen an die Öffentlichkeit. Die Unzufrieden-heit unter der Bevölkerung wächst. Viele wagen die Flucht, andere stellen einen Ausreiseantrag. Beides trägt wesentlich zum Zusammenbruch des SED-Regimes bei, wie auch der immer lauter werdende Ruf nach Reformen. Aber dafür ist es wohl längst zu spät. Die DDR befindet sich im 40. Jahr ihres Bestehens. Prunkvoll soll es gefeiert werden. Mit großen Aufmärschen. Proteste gegen die Politik werden am 7. Oktober 1989 auf den Straßen Berlins noch grausam niedergeknüppelt. Auch in Leipzig stehen Tausende schwer bewaffnete so genannte Sicherheitskräfte bereit, um die Montags-Demonstration am 9. Oktober 1989 zu zerschlagen. Aber dann sind es einfach zu viele, die sich in und an der Nikolaikirche versammeln. Zehntausende wagen den Aufstand. Nicht mit Steinen, nicht mit Knüppeln, nicht mit Fäusten – mit kleinen, flackernden Kerzen in der Hand. Mit Gebeten als Rückendeckung. Wie in Leipzig, so auch bald in anderen Städten des Landes. Überall Montagsgebete. Überall Demonstrationen für Frieden und Freiheit.

Gesegnet, die Friedliebenden
Und Gott ist mitten unter ihnen. Sie riskieren viel, als sie die Geschicke ihrer Geschichte selbst in die Hand nehmen, als sie den Umbruch mit friedlichen Mitteln erkämpfen und der Ruf nach Freiheit immer lauter wird. Sie wissen um das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Erst wenige Monate ist es her, dass Panzer rollten, das viele Hundert chinesische Studenten ihren Mut mit dem Leben bezahlen mussten. Erst wenige Monate ist es her, dass das DDR-Regime der Regierung Chinas zur “Zerschlagung der Konterrevolution” beglückwünschte. Im Herbst 1989 drohte auch den DDR-Demonstranten die “chinesische Lösung”. Der Wunsch nach Freiheit aber ist größer als alle Angst vor Repressalien. Sie halten der drohenden Gewalt kleine flackernde Kerzen entgegen. Mehr haben sie nicht. Gott macht, dass es genügt. Er schenkt, was viele kaum zu träumen gewagt hätten. “Mit allem haben wir gerechnet”, soll ein Stasi-Offizier damals gesagt haben, “nur nicht mit Kerzen und Gebeten.” Selig sind die Friedfertigen. Gott sei Dank. Und dann fällt die Mauer, ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Noch immer ein beinahe unglaublicher Akt.

Und auf einmal ist das Gefühl wieder da
“Die Mächtigen kommen und gehen …”
Wenn ich zurückdenke, dann spüre ich wieder etwas von diesem frischen Wind, von der Energie, die uns aus aller grauen Lethargie holte. Ich spüre wieder die Kraft der Montagsgebete, das freudige Gefühl, gemeinsam mit vielen anderen auf einem guten Weg zu sein, sich nicht abbringen zu lassen, sich einzusetzen, das Mögliche zu tun, um schier Unmögliches zu erreichen. Und ich kann Gott nur danken. Denn er hat uns bewahrt in jenen Tagen. Die Wasserwerfer kamen nicht zum Einsatz und es fielen keine Schüsse. Gott hat das Unmögliche bewirkt: Eine friedliche Revolution. Trotz aller Zwänge. Trotz aller Ängste.
Und ich danke Gott, dass ich heute sagen kann: Ich war dabei. Ich habe es erlebt. Plötzlich wurden unsere Lieder lebendig. “Die Mächtigen kommen und gehen und auch jedes Denkmal mal fällt. Bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht, dem sichersten Standpunkt der Welt!” oder “frei sind wir da zu wohnen und zu gehen …” Ich erinnere mich an die Runden Tische, an die Mühen des fairen Umgangs miteinander, das Lernen von Demokratie.

“Bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht, …”
Weil ich es erlebt habe, weiß ich, dass es wirklich geht. Dass friedliche Lösungen, selbst Ablösungen, möglich sind. Mit Gottes Hilfe. Vergessen wir nicht, was er uns Gutes getan hat. Er hat unsere Füße auf weiten Raum gestellt. Er hat uns den Mund und die Augen geöffnet. Er hat uns gezeigt, was Gebet vermag. Wir sind 1990 nicht im Paradies angekommen. Die Demokratie, wie wir sie jetzt erleben, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir können uns nicht entspannt zurücklehnen, ganz sicher nicht. “Darum denke mit, darum danke mit, dienen wird die Antwort sein …” Die große Dankbarkeit aber für das, was wir Ende der 80er Jahre erlebt haben, stärkt für künftige Aufgaben und ermutigt in schwierigen Zeiten. Wir dürfen hoffen und gelassen vorwärts schauen. Bei Recherchen im Internet bin ich auf ein Gedicht von Dr. Volker Beer gestoßen. Dichter kann ich es nicht sagen, was Grund großer Dankbarkeit in diesen Tagen ist:

Glauben
kann Mauern niederreißen
Diktaturen stürzen
Armeen entwaffnen
ohne dass ein Schuss fällt -
geschehen
im November Neunundachtzig

Zwei Drittel meines bisherigen Lebens habe ich in der DDR gelebt, ein Drittel im geeinten Deutschland. Ich bin gespannt, was Gott mir noch schenken will – an Jahren, an Bewahrungen, an Segnungen, an Aufgaben.

 

Müssen Christen immer lieb sein?

Es war an einem Samstag. Unsere Kinder, damals noch Grundschüler, standen am Herd. Sie legten Spaghetti in kochendes Wasser, schnitten Würstchen in Scheiben und viertelten Tomaten. Da tauchte ihr Cousin auf. Er wollte spielen und fragte entsetzt: „Müsst ihr selber kochen?“. Antwort: „Was heißt müssen, wir dürfen.“

*

Warum fällt mir spontan diese Episode ein und nicht zuerst der Widerwille, den ich bei dem Wort „Liebsein“ empfinde? „Nun sei aber lieb!“ Das hieß in meiner Kindheit: „Sitz still! Gib Ruhe! Widersprich nicht!“ Erwachsene mögen angepasste, bequeme Kinder, Kinder zum Vorzeigen. Ich war laut, aufsässig und trotzig. Ich war ein rebellierendes Kind. Später beichtete mir meine Mutter, wie froh sie darüber war.

Im Kindergottesdienst sang ich: „Ich wäre gern wie Jesus,  so sanft, so hold und wert! Nie hat man böse Worte aus seinem Mund gehört…“. Es traf mich tief, wenn jemand auf mein Benehmen hin sagte: „Jetzt ist der liebe Heiland ganz traurig.“

16jährig entschied ich mich für ein Leben als Christ. Mich faszinierte das Gebet von Assisi „Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens“, eines der schönsten Gebete, die ich kenne. „Nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.“ Diesem Anspruch wollte ich mich stellen. Selbstlos lieben. Heute weiß ich, wie nötig auch ich es habe, getröstet, verstanden und geliebt zu werden.

Was heißt das  also, immer lieb zu sein? Ist das Gottes Anspruch an uns? Freunde haben mir geholfen, Antworten zu finden:

-         Immer lieb sein? Das schaffen wir nicht. Aber es sollte uns zu schaffen machen, wenn wir nicht liebevoll miteinander umgehen.

-         Mir fällt „pharisäerhaftes“ Verhalten ein.

-         Wer immer lieb ist, bekommt Neurosen.

-         Zum Menschen gehören auch Zorn und Aggressivität. Unterdrücke ich das, bin ich nicht echt. Dann fehlt es mir an Verständnis für andere.

-         Christen haben Vorbildfunktion. Liebe ist ein wichtiger Maßstab.

-         Es hätte mir eher geschadet,  wenn immer alle lieb mit mir umgegangen wären.

-         Gott ist Liebe, aber nicht der „liebe Gott“.

-         Liebsein heißt oft, alles hinzunehmen. Christen aber sollen für Gerechtigkeit kämpfen, also lieb sein im Sinne von fair.

-         Jesus war auch nicht immer „lieb“. Manchmal hatte er harte Worte für seine Jünger.

-         Man darf nicht Liebsein mit Liebe verwechseln.

-         Liebe und Wahrheit gehören zusammen. Sonst ist es Heuchelei.

-         Lieben müssen, passt nicht zusammen.

-         Liebe ist Weg und Ziel, ohne Liebe ist alles nichts.

-         Manchmal füllt uns Gott so sehr mit Liebe, dass sie aus allen Poren wieder herausströmt. Dann müssen wir einfach lieben.

-         Wenn lieb gleich angepasst, unterwürfig, sich nur selbst schädigend und
den anderen dadurch ermutigend, weiterhin gewalttätig zu sein – dann ein
klares NEIN! Geht es aber beim Liebsein darum, in der Liebe Christi zu leben und zu handeln, ein klares JA.

-         In der Liebe Christi handeln heißt auch, Widerstand zu leisten.

Widerstand, auch gewaltloser, wird nie als lieb empfunden, eher als Sand im Getriebe. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer. Er wagte mutig, einer Zeit der Untertanen zu widerstehen.  Sein Engagement für die „Bekennende Kirche“ schockierte deutsche Christen, die von Hitler begeistert waren. Das Attribut „lieb“ passt nicht zu ihm, aber er traf seine Entscheidungen aus Liebe und Verantwortung. Wahrheit tut oft weh.

Wer lieb sein will, will niemanden wehtun. Wer lieb zu einem Suchtkranken ist, wird ihn umsorgen, wird ihm Schwierigkeiten aus dem Weg räumen und die Verantwortung des anderen geduldig auf die eigenen Schultern nehmen. Wer einen Suchtkranken liebt, konfrontiert ihn hart mit der Realität.

Ich bekenne, ich bin manchmal einfach nur lieb, weil ich die Auseinandersetzung scheue, dazugehören möchte und die Sympathie der anderen nicht verlieren will. Aber wer liebt schon einen, der immer lieb ist? Sind wir nicht eher geneigt, „liebe“ Menschen zu ärgern, zu quälen, auszubeuten, weil sie sich alles gefallen lassen?

Wer aber Liebsein so versteht, dass er aus der Liebe heraus lebt, aus Liebe Entscheidungen trifft, aus Liebe handelt, der darf  auf die entsetzte Frage eines Zeitgenossen: „Musst du etwa immer lieb sein?“ fröhlich antworten: „Was heißt muss? Ich darf.“

Wir dürfen darauf vertrauen, dass Liebe durch Konflikte trägt, dass Liebe aufbaut, dass Liebe Leben ermöglicht und ein gelingendes Miteinander. Wir dürfen lieben. Weil Gott uns zuerst geliebt hat.

 

Kunst

Was ist Kunst? Wer darf sich Künstler nennen? Und was hat Kunst mit unserem Glauben zu tun? Lenken uns Kunstwerke vom Glauben ab oder führen sie uns näher zu Gott?

Allein das Wort Gottes soll Maßstab für einen glaubenden Menschen sein. Es soll uns leiten, ermutigen, prägen… Stimmt. Gottes Wort hat Priorität. Als die ersten Baptisten die Bibel für sich entdeckten, lehnten sie alles ab, was sie vom Wort abhalten könnte, zum Beispiel jede Form künstlerischen Ausdrucks in ihren Versammlungsräumen. Erst recht aber: Kino, Theater, Galerien, Ballett, Konzertsäle…

Manche Christen sind den (weltlichen) Künsten gegenüber misstrauisch. Sie können sich nicht vorstellen, dass die gute Botschaft von der Liebe Gottes mit Farben oder Tönen oder gar durch Tanzbewegungen weiter getragen werden könnte. Sie trauen allein dem Wort. Als wäre Wort nicht auch Kunst. Die Psalmen, das Hohelied der Liebe, die bildreichen Geschichten des Alten Testaments, die Gleichnisse, wie sie Jesus erzählt, und schließlich die Visionen des Johannes – was für ein literarisches Kunstwerk ist die Bibel. Schon auf den ersten Seiten erzählt sie in bildreicher Sprache vom größten Künstler aller Zeiten, vom Schöpfergott.

Kunst ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses. So gesehen ist unsere Erde mit allem was darauf lebt ein einzigartiges Kunstwerk, und jeder von uns ist es, geschaffen von einem höchst kreativen Gott. Jeder von uns ist ein Unikat.

Ich selber würde mich nicht Künstlerin nennen, aber ich töpfere oder male gerne, filze, fotografiere, schreibe. Es entspannt und erfreut mich. Kreatives Gestalten wird manchem zur wichtigen Therapie nach schwerer Krankheit, in Arbeitslosigkeit, in Sinnkrisen. Andere sind so von dem, was sie sehen und erleben, so beeindruckt, dass sie sich ausdrücken müssen, egal wie. Es ist 30 Jahre her. Wir waren mit unseren Kindern auf dem Rummel. Unsere Zwillinge saßen zum ersten Mal in einem Karussell. Zu Hause ergriff unser 3jähriger Sohn Papier und Stift, und dann malte er in kreisförmigen Bewegungen, was er soeben Beeindruckendes erlebt hatte, immer schneller, immer schneller, bis er es ganz und gar ausgedrückt und das Papier durchgedrückt hatte. Das so entstandene Kunstwerk liegt noch immer in meinem Schrank.

Kreativität ist nichts Mystisches, nichts, was nur Genies und Exzentriker besitzen. Kreativität, das Wort kommt übrigens aus dem Lateinisch-französischem, ist schlichtweg Schöpfungskraft. Jeder, der ein Kind großzieht, der eine Selbsthilfegruppe organisiert oder im Gesangsverein für die Werbung sorgt, ist kreativ. Kreativität hat viele Gesichter. Sie begegnet uns überall. Und jedem ist sie geschenkt, weil wir Geschöpfe eines kreativen Gottes sind, seine Ebenbilder.

Kinder leben ihre Kreativität beinahe hemmungslos aus.  Nur so können sie die Welt begreifen, sich in ihr zurechtzufinden und lebenstüchtig sein. Und wir Erwachsene brauchen das auch. Geben wir uns nicht damit zufrieden, Konsument zu sein oder Nachahmer. Wir dürfen unser kreatives Potential nutzen, um das, was uns beeindruckt, auszudrücken, auch in unserem Glauben. Wir dürfen Erfinder und Schöpfer sein. Kreative Menschen sind offener, erfolgreicher, anerkannter und glücklicher, als bloße Konsumenten.

Am Ende eines jeden kreativen Prozesses steht das kreative Produkt. Es ist neu und einmalig, es überrascht uns und ist von Bedeutung, das heißt, es wird von anderen anerkannt. Jede Kleinkindzeichnung erfüllt diese Kriterien. Malen nach Zahlen erfüllt sie nicht, ist wenig kreativ, aber für manchen ein erster Schritt, schlafende Kreativität in sich zu wecken. Am Ende eines jeden kreativen Prozesses steht die ehrliche Freude über das Produkt. Als Gott die Welt erschuf, so heißt es in der Bibel, sah er sich jeden Abend an, was er tagsüber erschaffen hatte. Und er erfreute sich daran. Es war alles so gut gelungen.

Unsere Arbeitswelt heute ähnelt diesem schöpferischen Prozess oft nicht. Da sind wir abends nur noch geschafft. Umso wichtiger ist es, einen Ausgleich schaffen, etwas, wo wir schöpferisch arbeiten können. Für manchen ist das der Garten am Haus. Andere kreieren tolle Torten oder erfinden neue Gerichte für den Mittagstisch. Und wie viele Gute-Nacht-Geschichten wurden bereits erfunden?

Mich auf kreative Weise dem Worte Gottes zu nähern, dazu hat mich ein Mensch besonders ermutigt: Der sächsische Maler, Grafiker und Holzgestalter Johannes Feige (78), der selber unermüdlich aus der Quelle des Glaubens schöpft. Er lebt seinen Glauben und verleiht dem in seinen Werken Ausdruck. Durch seine Kunst bekommen Menschen den Blick für das Wesentliche. Er führt den Betrachter direkt ins Zentrum der Botschaft.

Kennen gelernt habe ich Johannes Feige Ende der 80er Jahre. Damals machte ich mich mit seinen Holzschnitten zur Bibel vertraut. Sie regten mich an, tiefer in die biblischen Texte einzusteigen, sie zu verdichten, darüber zu meditieren. Seine Bilder gaben sich keine Mühe, zu gefallen. Sie wollten reden, erinnern, mahnen, beeindrucken. Ich habe die Bibel aufgeschlagen, die Texte gelesen, auf mich wirken lassen und meine Gedanken dazu verdichtet. Die Bibel begann zu mir zu reden, eindrücklich, wie nie zuvor.

So ist in Zusammenarbeit mit Johannes Feige ein gemeinsames Buch entstanden. „Holzschnitte zur Bibel – Gedichte und Meditationen“.  Diese Arbeit hat mich sehr im Glauben reifen lassen.

Gottes Wort spricht in vielen Sprachen. Es kann die Sprache der Musik sein, des Tanzes, der Pantomime, der bildenden Kunst. Wichtig ist, dass uns Gottes Wort erreicht. Und um Gottes Wort in die Welt zu tragen, dürfen wir schöpferisch tätig sein. Es macht nichts, wenn wir dabei die Konfrontation mit dem eigenen Ich riskieren. Das macht uns zu Künstlern. Und das schafft uns einen ganz neuen Zugang zu Gott.

 Sprache als Instrument

 „Schreiben ist für mich ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Ausdrucksmittel. Etwas so in Worten auszudrücken, das der andere versteht, was ich sagen will, daran arbeite ich. Ich liebe die deutsche Sprache, die so viele Feinheiten in sich birgt. Ich liebe es, wenn ein passendes Wort, manchmal ist es ein Sprichwort, eine Sache auf den Punkt bringt. Nach diesem passenden Wort bin ich immer wieder auf der Suche.“

Wenn ich mich mit diesen Sätzen unter www.ingrid-k-ebert.de im Internet vorstelle, dann hoffe ich, Leser neugierig zu machen auf das, was ich schreibe. Wer schreibt, will gelesen werden. Wer redet, will gehört werden, und er will verstanden werden. Rund drei Jahrzehnte übte ich mich als Redakteurin im Schreiben, seit rund zwanzig Jahren bin ich als Referentin unterwegs und versuche, mit dem gesprochenen Wort Menschen zu erreichen. Und wenn ich auf der Kanzel stehe und laut über Gottes Wort nachdenke und darüber, was dieses Wort mir heute zu sagen hat, dann möchte ich, dass meine Aussagen nicht nur zutreffen, sondern auch treffen. Ob als Journalistin, Referentin oder Laienpredigerin oder Mutter und Ehefrau oder Freundin – ich glaube an die Macht der Worte und versuche, sie bewusst einzusetzen. Es macht einen  Unterschied, ob ich Rauke oder Rucola sage, Unkraut oder Wildkraut, Raub- oder Greifvogel. Es ist nicht gleich, ob ich von Abort, Abtreibung oder Schwangerschaftsabbruch spreche oder, wie es in der DDR hieß, von einer Schwangerschaftsunterbrechung, als könne eine Schwangerschaft unterbrochen und später fortgeführt werden. Es macht einen Unterschied, ob ich von der Mauer rede oder vom antifaschistischer Schutzwall, ob ich von der DDR spreche oder von der Zone. Der Volkspolizist war in der DDR dein Freund und Helfer. Jeder Arbeitsplatz war ein Kampfplatz für den Frieden. Der Jahrestag der DDR war Republikgeburtstag. Viele Redewendungen haben sich mir tief eingeprägt.

In den vergangenen zwanzig Jahren sind mir neue Worte über den Weg gekommen, und die sind oft alles andere als lustig: ausländerfrei, durchrasste Gesellschaft, Überfremdung, Warteschleife, Buschzulage, Personalentsorgung, Freisetzung, kollektiver Freizeitpark, schlanke Produktion, Sozialleichen, Rentnerschwemme, Wohlstandsmüll, Humankapital, Kollateralschaden, Zellhaufen, Herdprämie, Rentnerdemokratie, Frischfleisch.

Sprache kommt aus dem Denken und beeinflusst unser Denken. Eine jüdische Weisheit sagt:

“Achte auf dein Denken, denn aus ihm kommt deine Sprache.
Achte auf deine Sprache, denn aus ihr werden deine Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn aus ihnen wird dein Schicksal”

Wenn es um die Macht des Wortes geht, kommt mir Victor Klemperer in den Sinn und sein Werk „LTI“. Linqua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches, die aus Mord eine „Endlösung“ machte und den Tatbestand von Zwangssterilisation, Zwangsabtreibungen und Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens mit dem Wort Rassenhygiene bezeichnete. Der Philologe erkannte, dass Sprache dazu beitragen kann, Menschen zu verrohen. Haben wir noch ein Gespür dafür, wenn uns Worte etwas vorgaukeln, wenn sie schlimme Sachverhalte abschwächen? Das Unwort des Jahres 2011 ist „Döner-Morde“. Es verharmlost die Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer. Die Mörder als Nazi-Trio zu bezeichnen, empfinde ich auch als Fehlgriff in die Wörterkiste. Aber vielleicht ist es gar kein Fehlgriff, sondern eine ganz bewusst ausgesuchte Bezeichnung?! „Döner-Morde“ und „Nazi-Trio“, das klingt doch eigentlich ganz lustig oder? Wie verroht sind wir eigentlich?

Mancher plappert gedankenlos nach, was andere sagen. Der Demagoge aber wägt jedes Wort genau ab, um Menschen zu beeinflussen. Er nutzt die Macht des Wortes für seine Machtbestrebungen. Und er weiß, dass es einen Unterschied macht, ob von Kristallnacht oder Pogrom gesprochen wird, ob von Krieg die Rede ist oder von Friedensmission, von Kampfeinsatz oder Aufbauhilfe oder vom deutschen Engagement am Hindukusch.

„Wurstfabrik“ klingt so brutal. Nennen wir es „Rinder-Mainstreaming“. Das sagt ein Mann in einem gemalten Witz, gefunden in der Sommer-Ausgabe 2011 des „fluter“, einem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Gar nicht so abwegig. Wir sagen ja auch Meeresfrüchte zu Tieren, die wir essen.

Sprache ist ein scharfes Instrument. Wer es gut beherrscht, ist im Vorteil. Mit Worten kann ich trösten und mahnen, ermutigen und beeindrucken, lehren, beschwichtigen, aber eben auch Sachverhalte verzerren, beschönigen, vertuschen. Ich  muss keine Journalistin sein, um mit Worten so umzugehen, wie ich es für meine Zwecke brauche. Wir alle können lügen und verletzen und verharmlosen. Wir können Menschen mit Worten gewinnen und manipulieren. Wir können mit Worten kämpfen und siegen. Luther sprach sogar davon, den Teufel mit Tinte besiegt zu haben.  „Kalte Worte lassen Menschen erstarren, hitzige Worte schmerzen sie. Bittere Worte machen sie bitter, und zornige Worte machen sie zornig. Freundliche Worte bringen gleichfalls ihr Abbild im Gemüt des Menschen hervor: Sie erheitern, besänftigen und trösten ihn.“ (Blaise Pascal)  Das ist uns doch allen schon passiert. Eigentlich haben wir uns wohl gefühlt in einer Gemeinschaft, haben uns gerne eingesetzt, glaubten anerkannt zu sein. Und dann sagt einer ein kleines Wort der Entmutigung – und alles ist anders. Aber auch umgekehrt geschieht es, ein Wort der Anerkennung und schon füllt uns Kraft aus.

Dass Worte mächtig sind, wissen die Machthaber am besten und fürchten sie. In Diktaturen sind Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt,  öffentlichen Medien werden kontrolliert und zensiert. In der DDR galt Dresden als die Stadt im Tal der Ahnungslosen, da es dort keinen „Westempfang“ gab. In Nordkorea haben die Bürger heute noch praktisch keinen Zugang zu unabhängigen und ausländischen Nachrichtenquellen.

Sprache ist nie neutral. Jedes Wort löst Assoziationen aus – bei dem, der es spricht und bei dem, der es hört. Diese Assoziationen müssen nicht übereinstimmen. Das macht es mitunter so schwer in der Kommunikation. Was mein Wort mit dem anderen macht, ist oft nicht das, was ich wollte. “Um einen Stein zu zertrümmern, braucht man einen Hammer, aber um eine kostbare Vase zu zerbrechen, genügt eine flüchtige Bewegung und um das Herz eines Menschen zu treffen, genügt oft ein einziges Wort” (Eugen Drewermann).

Auch die Bibel weiß um die Macht des Wortes. Da sind die Eingangsworte des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.“ Das klingt mir wie ein Mantra. Wie ein Rätsel. Oder ist es die Lösung? Und dann fallen mir andere Sätze aus der Bibel ein, zum Beispiel: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Oder: „Lebendig nämlich ist das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert…“ Oder: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.“ Seltsam, das fällt mir jetzt erst auf. Da steht nicht: Das Kreuz ist Torheit oder Gotteskraft, sondern das Wort darüber, die frohe Botschaft.

Vieles gäbe es noch zu sagen über die Macht des Wortes. Vielleicht ist nur die Liebe eine größere Macht. Denn wer liebt, versteht und wird verstanden. „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete …“                                                                                    Ingrid Ebert